Ali Bagheri
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Forschung und Studien zur Kalligrafie

Von der Handschriftenkopie zum Siyah Mashq: Die wichtigsten Formen von Nastaliq-Werken

Kitabat, Qit'a, Chalipa, Siyah-Mashq und Muraqqa' sind im Nastaliq keine völlig getrennten Formen. Sie beschreiben jeweils Aspekte von Herstellung, Anordnung, Funktion oder Materialgeschichte. Ein Werk kann daher mehrere zutreffende Bezeichnungen tragen.

Von ali bagheriVeröffentlicht 21. August 202610 Min. Lesezeit
Beispiele verschiedener Nastaliq-Kalligrafieformate in mehreren Blättern mit unterschiedlichen Kompositionen und Rahmungen

Von der Handschriftenkopie zum Siyah Mashq: Die wichtigsten Formen von Nastaliq-Werken

Wenn wir in einem Museum oder Buch eine Gruppe von Nastaliq-Werken betrachten, begegnen uns Begriffe wie „Handschriftenkopie“, „Qit'a“, „Chalipa“, „Siyah Mashq“ und „Muraqqa'“. Auf den ersten Blick könnte man meinen, es handle sich um fünf getrennte Formate und jedes Werk müsse genau einer Kategorie angehören.

Die Geschichte der Kalligrafie ist jedoch etwas komplizierter.

Ein Werk kann eine kalligrafische Qit'a sein, die in einer Chalipa-Komposition geschrieben und später in ein Muraqqa' montiert wurde. Heute kann dasselbe Werk aus dem Album herausgelöst sein und als einzelnes Blatt in einem Museum aufbewahrt werden.

Die bloße Frage „Welches Format ist das?“ reicht daher nicht aus.

Besser ist es, mehrere Fragen gleichzeitig zu stellen: Wie wurde das Werk geschrieben? Welchen Text enthält es? Wie sind die Zeilen auf der Seite angeordnet? Wofür wurde es ursprünglich geschaffen? War es materiell Teil eines Buches oder ein eigenständiges Werk? Wurde es später gerahmt oder neu montiert? Und wie verhält sich das, was wir heute sehen, zu seiner ursprünglichen Form?

Dieser Blick hilft, die Begriffe der Kalligrafie genauer zu verstehen und die heutige Bezeichnung eines Objekts nicht mit seiner tatsächlichen Geschichte zu verwechseln.

Vor der Benennung sollten wir einige Ebenen trennen

Um ein Nastaliq-Werk zu verstehen, ist es sinnvoll, mindestens mehrere Ebenen auseinanderzuhalten.

Die erste ist die Art der Herstellung. Schrieb der Kalligraf einen fortlaufenden Text für ein Buch oder schuf er eine kurze und relativ eigenständige Einheit? Ist die Seite aus Übung und Wiederholung von Buchstaben entstanden?

Die zweite Ebene ist die Textart. Es kann sich um Dichtung, Prosa, ein Gebet, einen Brief, Einzelbuchstaben oder didaktische Kombinationen handeln. „Rubai“ bezeichnet zum Beispiel eine Gedichtform und keine kalligrafische Komposition.

Die dritte Ebene ist der Aufbau der Seite. Sind die Zeilen horizontal oder diagonal? Dicht oder weit voneinander entfernt? Bilden vier Halbverse gemeinsam eine eigenständige Einheit oder sind sie Teil eines fortlaufenden Textes?

Dann stellt sich die Frage nach der ursprünglichen Funktion. Wurde das Werk zum Lesen, Üben, Verschenken, Ausstellen oder Sammeln geschaffen? In vielen Fällen lässt sich dies nicht sicher beantworten.

Materiell müssen wir außerdem wissen, ob wir eine gebundene Handschrift, ein Handschriftenblatt, eine separate Qit'a, ein montiertes Panel oder ein Albumblatt vor uns haben.

Schließlich ist die Geschichte des Objekts selbst wichtig. Eine Qit'a kann Jahre später beschnitten, gerahmt oder in ein neues Muraqqa' montiert worden sein.

Diese Unterschiede bedeuten, dass das heutige Erscheinungsbild nicht immer die früheste Geschichte des Werkes widerspiegelt.

Handschriftenkopie: Wenn die Schrift Teil eines fortlaufenden Textes ist

Bevor sie der Name eines „Formats“ ist, bezeichnet die Handschriftenkopie einen Prozess.

Gemeint ist das regelmäßige und fortlaufende Schreiben eines Textes zur Herstellung einer Handschrift, eines Heftes, eines Traktats oder Dokuments. Jede Seite ist dabei Teil einer größeren Struktur, und ihr Verhältnis zu den Seiten davor und danach ist bedeutsam.

Viele Handschriften wurden mit relativ kleinen Federn geschrieben, doch eine kleine Schrift allein definiert die Handschriftenkopie nicht.

Entscheidend ist die Kontinuität des Textes.

In einer Handschrift muss der Kalligraf auf die Lesbarkeit der Zeilen, ihre Abstände, die Position von Überschriften und Spalten sowie das Verhältnis von Schrift, Illumination und Malerei achten.

Dass ein Werk zum Lesen und Übermitteln eines Textes geschaffen wurde, schmälert seinen künstlerischen Wert nicht.

In vielen kostbaren Handschriften wurden Zeilenordnung, Buchstabenformen, Abstände und die gesamte Buchgestaltung mit großer Genauigkeit ausgeführt.

Seite aus dem Divan von Mir Ali-Shir Nava'i, geschrieben von Sultan Ali Mashhadi, mit höfischer Miniatur und Nastaliq-Inschriften, Herat, 1499–1500

Divan of Mir ‘Ali Shir Nava’i, geschrieben von Sultan Ali Mashhadi, 1499–1500, Herat zugeschrieben, Metropolitan Museum of Art.

Dieses Werk ist eine gebundene Handschrift. Ihre Seiten sind Bestandteile eines fortlaufenden Textes und können nicht ohne Berücksichtigung der Buchstruktur jeweils als eigenständige Qit'a verstanden werden.

Qit'a: Eine relativ eigenständige kalligrafische Einheit

Als „Qit'a“ bezeichnet man gewöhnlich eine begrenzte und relativ selbstständige Einheit der Kalligrafie, die einzeln betrachtet, verschenkt oder gesammelt werden kann.

Das Wort „relativ“ ist hier wichtig.

Nicht jedes Werk, das heute Qit'a genannt wird, wurde zwangsläufig von Anfang an für eine eigenständige Präsentation geschaffen. Manche Stücke wurden möglicherweise später aus einem anderen Zusammenhang gelöst oder in eine neue Struktur eingefügt.

Eine Qit'a kann Dichtung, Prosa, ein Gebet, einen Vers oder einen kurzen Satz enthalten. Zeilenzahl, Illumination oder selbst die Signatur eines Kalligrafen sind nicht bei allen Qit'as gleich.

Entscheidend ist die Bildung einer begrenzten Schrifteinheit, die unabhängig von einem längeren Text betrachtet oder gesammelt werden kann. Doch auch hier müssen wir vorsichtig mit dem heutigen Erscheinungsbild sein.

Zeitgenössisches Kalligrafieblatt von Mehdi Fallah mit großen dunklen Schriftformen auf floral verziertem Grund

Zeitgenössisches Kalligrafiewerk von Meister Mehdi Fallah

Chalipa: Wenn der Begriff die Anordnung der Zeilen beschreibt

Chalipa gehört nicht zur selben Kategorie wie Handschriftenkopie oder Qit'a.

Der Begriff beschreibt vor allem die Struktur und Anordnung der Zeilen auf der Seite.

Im heutigen allgemeinen Gebrauch besteht ein Chalipa meist aus vier Halbversen oder vier diagonalen Zeilen, die innerhalb eines Schriftfeldes aufeinander bezogen sind.

Dabei ist eine wichtige Unterscheidung nötig:

Rubai und Do-Beyti sind Gedichtformen; Chalipa ist eine Form der kalligrafischen Anordnung.

Ein Rubai kann als Chalipa geschrieben werden, aber nicht jedes Rubai ist ein Chalipa. Umgekehrt muss Chalipa nicht ausschließlich für Rubai verwendet werden.

Auch vier diagonale Zeilen auf einer Handschriftenseite sind nicht automatisch ein Chalipa.

In illustrierten Handschriften können Zeilen diagonal angeordnet sein, um Platz für eine Illustration zu schaffen oder den Text fortzusetzen. Bevor man den Begriff Chalipa verwendet, muss man prüfen, ob die vier Zeilen eine relativ eigenständige und bewusst gestaltete Einheit bilden oder lediglich Teil des Schreibflusses sind.

Kalligrafieseite mit vier schrägen Zeilen und einem persischen Vierzeiler, Mir Ali Haravi zugeschrieben, mit illuminiertem Rand

Seite mit vier diagonalen Zeilen und einem persischen Rubai, signiert von oder zugeschrieben an Mir Ali Haravi.

Das Werk lässt sich gleichzeitig auf mehrere Arten beschreiben:

Es ist eine kalligrafische Qit'a; seine Komposition ist Chalipa; sein Text ist ein persisches Rubai; und später wurde es in eine Albumstruktur eingefügt.

Keine dieser Bezeichnungen schließt die anderen aus.

Auch bei der Geschichte des Wortes „Chalipa“ selbst sollte man zwischen dem Alter der Vier-Zeilen-Struktur und dem Zeitpunkt unterscheiden, an dem sich der Begriff in seinem heutigen didaktischen Sinn festigte. Die Struktur ist in historischen Werken eindeutig belegt, doch die genaue Geschichte des Begriffs erfordert weiterhin eine spezialisierte Untersuchung älterer Quellen.

Siyah Mashq: Von der Übung zum betrachteten Werk

Um Siyah Mashq zu verstehen, muss zunächst zwischen ihm und Mashq im weiteren Sinn unterschieden werden.

Mashq ist der umfassendere Begriff.

Ein Kalligraf wiederholt Buchstabenformen, Verbindungen und Kombinationen, um sie zu erlernen und zu festigen. Diese Übung kann von einzelnen Buchstaben bis zu komplexen Kombinationen reichen.

Aber nicht jedes Mashq ist ein Siyah Mashq.

Im Siyah Mashq wird die Wiederholung von Buchstaben und Wörtern so weit fortgeführt, dass die Seite zunehmend dichter wird. Formen können sich überlagern, die Schreibrichtung kann wechseln und die Lesbarkeit abnehmen.

Doch allein eine dichte oder schwer lesbare Seite reicht nicht aus, um sie Siyah Mashq zu nennen.

Die Logik von Wiederholung und Übung muss Teil der Struktur des Werkes sein.

Die Geschichte des Siyah Mashq ist nicht nur die Geschichte von Übungsblättern.

Aus etwa dem 17. Jahrhundert sind Beispiele erhalten, die später gerahmt oder in Sammlungen montiert wurden. In späteren Perioden entstanden zudem Werke, die die dichte und repetitive Sprache der Übung bewusst in stärker auf Präsentation ausgerichteten Strukturen einsetzten.

Siyah-Mashq-Kalligrafie von Asadullah Shirazi mit dicht überlagerten und verschränkten Schriftzügen, 1258 AH / 1842–1843

Siyah Mashq von Asadullah Shirazi, 1258 AH / 1842–1843.

Das Werk befindet sich in einem dekorierten Rand und wird als Albumblatt aufbewahrt.

Die Logik von Wiederholung und Übung ist weiterhin sichtbar, doch die endgültige Form ist nicht bloß ein zufälliges Ergebnis des Auffüllens des Papiers.

Gleichzeitig sollte der Zustand dieses qajarischen Werkes nicht auf alle früheren Siyah-Mashq-Beispiele übertragen werden.

Muraqqa': Wo Werke neu zusammengeführt werden

Ein Muraqqa' ist weder eine Schriftart noch eine Schreibmethode.

Es ist eine Struktur zum Sammeln, Montieren und erneuten Präsentieren von Werken.

Ein Muraqqa' kann kalligrafische Stücke, Malerei, Zeichnungen und andere Werke zusammenbringen. Diese Bestandteile müssen nicht zur selben Zeit, in derselben Stadt oder sogar in derselben Kultur entstanden sein.

Auch eine Albumseite kann aus mehreren Schichten bestehen: einem zentralen Stück, schmalen Rahmen, farbigen Rändern, Dekoration und kleineren Werken ringsum.

Jede Schicht kann ihre eigene Geschichte besitzen.

Deshalb ist ein Muraqqa' kein neutraler Behälter.

Die Entscheidung darüber, was neben was angeordnet wird, wie es gerahmt ist und in welcher Reihenfolge es betrachtet wird, verändert die Erfahrung des Betrachters.

Was wir heute als eine einzelne Seite sehen, kann das Ergebnis einer Zusammenstellung von Bestandteilen aus unterschiedlichen Zeiten und Zusammenhängen sein.

Das ist eine der wichtigen Eigenschaften des Muraqqa'.

Eine Seite kann also nicht aus einem einzigen Moment der Schöpfung hervorgegangen sein, sondern aus mehreren Phasen der Auswahl, Verlagerung und Neukombination.

Ein Werk kann mehrere richtige Namen haben

Deshalb sollten wir nicht nach einem endgültigen und ausschließlichen Etikett suchen. Eine genauere Beschreibung ist meist mehrschichtig.

Zum Beispiel:

„Eine kalligrafische Qit'a in Chalipa-Komposition mit einem persischen Rubai in Nastaliq, später auf einer Muraqqa'-Seite montiert und heute als einzelnes Blatt aufbewahrt.“

Oder:

„Ein Nastaliq-Siyah-Mashq mit übungsbezogenem Ursprung, später gerahmt und in ein Album montiert.“

Oder:

„Ein aus einer literarischen Nastaliq-Handschrift herausgelöstes Blatt, später in neuen Rändern neu montiert.“

Diese Beschreibungen sind komplizierter als ein einzelnes Wort, aber genauer.

In der Kunstgeschichte machen solche Details oft den Unterschied zwischen dem, was wir heute sehen, und dem, was ursprünglich geschaffen wurde.

Wie liest man ein Museumsetikett?

Ein Museumsetikett ist ein guter Ausgangspunkt, doch seine Begriffe sollten genau gelesen werden.

Folio bedeutet ein materielles Blatt mit zwei Seiten.

Steht dort detached folio, bedeutet dies, dass das Blatt einst Teil einer Handschrift oder eines Albums war und heute separat aufbewahrt wird. Die Bezeichnung sagt allein nicht, wann oder warum es getrennt wurde.

Album page oder album folio bedeutet, dass das Werk Teil einer Albumstruktur war.

Der Begriff beweist aber nicht, dass das zentrale Stück ursprünglich für genau dieses Album geschaffen wurde.

Panel ist ein allgemeiner Begriff und kann für eine Qit'a, einen Teil einer Handschrift oder ein Übungsbeispiel verwendet werden.

Mounted oder remounted zeigt an, dass das Werk auf einen Träger montiert oder erneut montiert wurde.

Attributed to bedeutet, dass die Zuschreibung nicht sicher ist.

Und signed by bedeutet lediglich, dass sich ein Name auf dem Werk befindet; die Echtheit dieser Signatur oder ihre Beziehung zur tatsächlichen Hand des Kalligrafen kann weiterhin untersucht werden müssen.

Ein Katalogtitel sollte daher gemeinsam mit Bild, Material, Maßen, Provenienz und weiterer Forschung gelesen werden.

Wie unterscheiden wir Handschriftenkopie, Qit'a, Chalipa, Siyah Mashq und Muraqqa'?

Vereinfacht:

Handschriftenkopie betrifft vor allem das kontinuierliche Schreiben eines Textes und die Herstellung einer Handschrift.

Qit'a ist eine begrenzte und relativ eigenständige kalligrafische Einheit.

Chalipa beschreibt die Anordnung der Zeilen auf der Seite.

Siyah Mashq entsteht aus der Logik von Übung, Wiederholung und Dichte, auch wenn einige Beispiele später zu Ausstellungs- und Sammlungswerken wurden.

Muraqqa' ist eine Struktur, die unterschiedliche Werke auswählt, montiert und neu präsentiert.

Diese Begriffe beantworten nicht dieselbe Frage.

Das ist vielleicht der wichtigste Punkt, den man beim Betrachten solcher Werke im Gedächtnis behalten sollte.

Die Form eines Werkes muss Schicht für Schicht gelesen werden

Ein Nastaliq-Werk ist nicht nur das, was heute gerahmt vor uns liegt.

Es kann beim Kopieren einer Handschrift entstanden, später aus dem Buch gelöst, in ein neues Muraqqa' eingefügt und Jahrhunderte danach wieder als Einzelblatt in ein Museum gelangt sein.

Ein anderes Stück kann von Anfang an eigenständig gewesen sein, eine Chalipa-Komposition besessen und später in ein Album montiert worden sein.

Ein Siyah Mashq kann als Übung begonnen haben und später als so wertvoll angesehen worden sein, dass es Ränder und Illumination erhielt.

Die Form eines Nastaliq-Werkes zu verstehen bedeutet daher mehr, als nur einen Namen zu finden.

Wir müssen erkennen, welchen Abschnitt im Leben des Objekts der jeweilige Begriff beschreibt.

Wenn wir diese Ebenen trennen, verwechseln wir Handschrift nicht mit Qit'a, Gedichtform nicht mit Seitenkomposition, Übung nicht mit Präsentation und den heutigen Zustand eines Werkes nicht mit seiner ursprünglichen Form.

Und vielleicht hilft uns dieser Blick, Kalligrafie nicht nur als schöne Schrift, sondern als Objekt mit Geschichte, Bewegung und materiellem Leben zu sehen.

Quellen

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Library of Congress. Letter Exercises, Mir ‘Imad al-Hasani, LCCN 2019714598.

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Über den Autor

Ich bin Ali Bagheri, ein iranischer Kalligraf, der durch die Nastaliq-Kalligrafie die Verbindung zwischen Form, Farbe und Bedeutung erforscht. Neben der Gestaltung von Kalligrafie- und Kalligrafie-Malerei-Werken beschäftige ich mich mit der Geschichte der iranischen Kunst und dem Erbe der persischen Kalligrafie und teile diese Erfahrungen durch Lehre und Schreiben.

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